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by Lars Fischer in Fischblog
Hatte der erste aus der chemischen Evolution hervorgegangene Organismus Geschwister? Einige Argumente sprechen dafür, dass zeitgleich mit der ersten Zelle das erste Virus aus unbelebter Materie entstand.
Das Lindauer Nobelpreisträgertreffen naht mit Riesenschritten, und mein persönlicher Höhepunkt ist natürlich der Vortrag von Jack Szostak. Der arbeitet nämlich tatsächlich an künstlichen Zellen und hat auch viel Sinnvolles über den Ursprung des Lebens zu sagen. Außerdem hat mir Alex von Alles was lebt vor einer Weile zwei Papers zukommen lassen, die sich ebenfalls mit diesem Thema beschäftigen, allerdings aus einem etwas anderen Blickwinkel.
Die Veröffentlichungen von Eugene Koonin et al. stellen die Hypothese vor, dass Viren zu den ersten Lebensformen überhaupt gehörten. Das erscheint zuerst einmal unlogisch, denn Viren können sich ohne die biochemische Maschinerie der Zellen nicht vermehren – deswegen geht man davon aus, dass Viren erst nachträglich entstanden. Es gibt allerdings die Alternative, dass Zellen und Viren von Anfang an nebeneinander evolviert sind, und zwar aus den selbstreplizierenden Erbgutschnipseln der RNA-Welt, die von vielen als wahrscheinlicher Ursprung des Lebens betrachtet wird.
Der Kern von Koonins These ist im Grunde, dass einer der entscheidenden Schritte bei der Entstehung von Organismen, die Trennung von Innen und Außen, nicht nur einmal vollzogen wurde. Außerdem wird er ein ganzes Stück nach hinten verlegt, an einen Punkt, an dem sich schon verschiedene Strategien im Kampf ums Dasein herausgebildet hatten. Das führte dazu, dass mehrere teils grundverschiedene Typen von Hülle entstehen konnten: Zellulären Membranen aus verschiedenen Lipiden einerseits und zum anderen die Eiweiß-Capside vieler Viren.
Für dieses Szenario sprechen laut Koonin vor allem die grundlegenden chemischen Unterschiede zwischen den Membranen von Eubakterien und Archaeen und der Maschinerie ihrer Bildung. Das deutet darauf hin, dass ihr gemeinsamer Vorfahr keine oder nur eine sehr rudimentäre Membransynthese kannte.[1] Dagegen scheinen die Komponenten der Proteinbiosynthese sehr alt zu sein, insbesondere die RNA-Anteile. Es ist auch eine Grundbedingung für Koonins These, dass der Mechanismus zur Bildung von Proteinen der Entstehung von Zellen vorausging, während an der Basis von allem die Replikatoren selbst stehen, die alle Lebensformen gemeinsam haben.
Wie komplex war die präbiotische Chemie?
Damit kommen wir wieder zu den Viren. Koonins Szenario sieht folgendermaßen aus: Vor der Entstehung der ersten Lebewesen hatte sich eine Ansammlung von Replikatoren etabliert, die Koonin als primordialer Genpool bezeichnet. Das kann man sich durchaus bildlich als ein Gewässer vorstellen, in dem verschiedene Makromoleküle herumschwimmen, die Kopien von sich selbst erstellen und evolvieren können. Soweit entspricht das dem klassischen Replication-first-Szenario der RNA-Welt.
Der Unterschied ist der, dass im Viruswelt-Szenario die Replikator-Welt schon eine beträchtliche Komplexität aufweist, lange vor der ersten Zelle. Einige wesentliche Cluster von Replikatoren, die sich selbst aufrecht erhalten können, entstehen und werden später zu den ersten zellulären Systemen. Und schon hier spaltet sich der Stammbaum des Lebens dann grundsätzlich auf.
Einerseits sind da die Systeme aus Erbgutsträngen, die nach und nach hilfreiche Erfindungen – zum Beispiel die Proteinsynthese – entwickeln und später zu Zellen werden, und andererseits ein Schwarm opportunistischer Replikatoren, die sich ganz wie zu Beginn der RNA-Welt schlicht unter den gegebenen Bedingungen am besten vermehren – indem sie nun die die von den Zellvorläufern geschaffene Komplexität zum eigenen Vorteil zu nutzen wissen. Die Viren.
Beide Gruppen evolvierten gemeinsam in der präzellulären Replikatorenwelt, und anders als in der gängigen Vorstellung des RNA-Welt-Szenarios ist die erste Zelle eben nicht die einzige Erbin der chemischen Evolution und damit Urahnin allen Lebens. Sie bringt Geschwister mit, nämlich die parasitären Replikatoren, die sich zur Vermehrung an anderswo verfügbarer Biochemie bedienen.
Das doppelte Ur-Genom
Diese parasitären Replikatoren darf man sich dabei nicht als frei herumschwimmende Erbgutstückchen vorstellen. Vielmehr postuliert die Viruswelt-These, dass sich auch die Urahnen der Viren schnell Hilfsmoleküle zugelegt haben, nur eben völlig andere als die Zell-Urahnen. Wie das Genom des gemeinsamen Vorfahren aller Zellen sollte demnach aus modernen Zellen ein minimales Repertoire von Hilfsgenen des Ur-Virus rekonstruierbar sein, und dieser Satz von Genen muss sich grundlegend von dem der Zellen unterscheiden.
Tatsächlich lassen sich laut Koonin, das ist einer der Zentralpfeiler der These, Spuren dieser völlig anderen Abstammungslinie finden. Er listet unter anderem das große Capsid-Protein der ikosaedrischen Virionen, die Reverse Transkriptase, die RNA-abhängige RNA-Polymerase und noch ein paar andere. Diese Gruppe von Virusproteinen ist so weit über so viele unterschiedliche Virusfamilien verteilt, dass Koonin sie als gemeinsames Grundelement aller Viren aus präzellulären Zeiten ansieht.
In diesem Modell kommt der chemischen Evolution plötzlich eine viel größere Bedeutung zu als in den bisherigen Szenarien. Hier ist sie nicht nur das Vorspiel, aus dem irgendwie der erste gemeinsame Vorfahr hervorgeht, der dann tabula rasa macht. Koonin entwirft das Bild eines chemischen Ökosystems, in der schon Gemeinschaften und Strategien möglich sind. Es ist, so gesehen, ein neuer Blickwinkel auf das Verhältnis von Chemie und Biologie zu Beginn der Ära des Lebens. Spannend ist das allemal, und wie weit diese Vorschläge tatsächlich dazu beitragen, den Ursprung des Lebens zu erhellen, wird die Zukunft zeigen.
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[1] Allerdings deuten Rekonstruktionen des „Ur-Genoms“ des Lebens darauf hin, dass mit der H+-ATPase und Fragmenten des SRP zwei wesentliche Membranfunktionen schon im Repertoire des gemeinsamen Vorfahren allen zellulären Lebens vorhanden war.
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Koonin, E. (2009). On the Origin of Cells and Viruses Annals of the New York Academy of Sciences, 1178 (1), 47-64 DOI: 10.1111/j.1749-6632.2009.04992.x
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Koonin, E. (2009) On the Origin of Cells and Viruses. Annals of the New York Academy of Sciences, 1178(1), 47-64. DOI: 10.1111/j.1749-6632.2009.04992.x
by Lars Fischer in EuCheMS 2010 Blog
Even if you don’t follow materials research closely you may have come across the amazing properties of spider silk. The stuff is stronger than steel, yet more elastic than most artificial fibres, despite being made of proteins only. It owes its remarkable strength to hydrogen bonds and its microstructure of amorphous and crystalline domains. But [...]... Read more »
Askarieh, G., Hedhammar, M., Nordling, K., Saenz, A., Casals, C., Rising, A., Johansson, J., & Knight, S. (2010) Self-assembly of spider silk proteins is controlled by a pH-sensitive relay. Nature, 465(7295), 236-238. DOI: 10.1038/nature08962
by Lars Fischer in Fischblog
Es ist endlich so weit: Nach mehreren Jahren Arbeit haben Svante Pääbo und Kollegen die lang erwartete erste Draft-Version des Neanderthaler-Genoms präsentiert. Gut, im Jahr 2006 hat er noch gesagt, der erste Entwurf sei binnen zwei Jahren zu erwarten, aber wir wollen angesichts dieser bemerkenswerten Leistung nicht kleinlich sein.
Schon dass es dieses Genom überhaupt gibt ist eine Sensation – und es geht gleich weiter: Durch Erbgutvergleiche kommen die Autoren der Publikation zu dem Schluss, dass Neanderthaler-Gene im modernen Menschen bis heute überlebt haben. Weil sich nämlich unsere Vorfahren mit der ausgestorbenen Menschenart gepaart haben.
Das allerdings ist nur ein Aspekt der jetzt vorliegenden Erbgutsequenz, mit der Pääbo sich wahrscheinlich endgültig in die Liste der Nobelpreiskandidaten einreiht. Weltweit stehen Forscher jetzt in den Startlöchern, um dem Genom seine Geheimnisse zu entreißen – was den Neanderthaler zu dem machte, was er war, warum er ausstarb und natürlich auch, was es mit seinen nächsten Verwanden auf sich hat, mit uns.
taH pagh taHbe! Svante Pääbo mit einem nachgebildeten Neandertaler-Schädel.
Ein gigantisches Puzzle
Das Genom eines Fossils kann natürlich nicht auf die gleiche Weise entschlüsselt werden wie das einer lebenden Art. Wenn überhaupt noch etwas davon da ist. Im Falle des Neandertalers nimmt man Proben aus besonders dichten Teilen des Knochens, in der Hoffnung, dass das Erbgut dort von Bakterien, Pilzen, Ausgräbern unberührt ist. Doch auch im günstigsten Fall ist die DNA in den letzten paar Zehntausend Jahren in viele kurze Bruchstücke zerfallen. Man hat also bestenfalls einen Riesenhaufen Schnipsel, die man irgendwie wieder in die richtige Reihenfolge bringen muss.
Glücklicherweise stehen zwei sehr ähnliche Genome zur Verfügung, die wir als Schablone verwenden können: Das des Schimpansen und unser eigenes. Die genetischen Unterschiede zwischen uns und dem Neandertaler zum Beispiel dürften sich im Bereich von wenigen Zehntel Promille bewegen. Man kann also die Schnipsel mit dem bekannten menschlichen Erbgut abgleichen und praktisch parallel dazu aneinander reihen, und dann hat man das Neanderthaler-Genom.
Dazu prüften die Forscher 21 Knochen aus Kroatien auf das Vorhandensein von Neanderthaler-DNA und wählten die drei aussichtsreichsten Proben für die Sequenzierung aus. Die aus diesen Fragmenten gewonnenen Erbgut-Extrakte wurden dann per Vergleich mit bekannten Genomen und Sequenzdaten vorsortiert und alles, was darin einigermaßen nach Primat aussah, näher unter die Lupe genommen. Je nach Probe stammten 95 – 99 Prozent des Genmaterials von Mikroorganismen, die das Gebein nach dem Ableben des Neanderthalers besiedelt hatten. Um das Verhältnis für die Amplifikation zu verbessern, mussten die Forscher Enzyme zusetzen, die bakterielle DNA bevorzugt schneiden.
Kontamination
Das eigentliche Problem sind aber nicht die Bakteriengene. Die sind leicht herauszufiltern, ganz im Gegensatz zu einer eventuellen Kontamination mit modernem menschlichem Erbgut. Da unser Genom dem des Neanderthaler so ähnlich ist, ist es unmöglich festzustellen, ob eine Sequenz deswegen mit dem menschlichen Genom identisch ist, weil der Neanderthaler an diesem Punkt die
gleiche Sequenz hat, oder weil eine Hautschuppe der Laborantin ins Probengefäß gefallen ist. Das Problem haben die Forscher zumindest minimiert, indem sie unter identischen Bedingungen zuerst einmal einen Teil des Genoms eines Höhlenbären aus der gleichen Periode sequenziert haben – praktisch die gleiche Aufgabe, mit dem Unterschied, dass man hinterher genau sehen kann, wieviel menschliche DNA bei der Prozedur untergemischt wurde. In den ersten Versuchen waren das 11 – 40 Prozent. Erst nach einer Reihe substanzieller Verbesserungen am Verfahren haben sich die Forscher dann an den Neanderthaler herangetraut.
Spätere Messungen am fertigen Neanderthaler-Genom bestätigen, dass diese Strategie weitgehend erfolgreich war. Drei unabhängige Verfahren, die Kontamination zu bestimmen, lieferten jeweils Werte von unter einem Prozent menschlicher DNA, so dass das Genom tatsächlich als authentisches Neanderthaler-Genom gelten kann.
Und sie haben es doch getan!
Die erste Erkenntnis, die man aus den Erbgutsequenzen ableiten kann, ist die Antwort auf die Frage, ob sich Neanderthaler und moderne Menschen untereinander verpaart haben. Diese Theorie geistert seit 1999 durch die Forschung, als der amerikanische Anthropologe Erik Trinkaus einige "neanderthalische" anatomische Merkmale an fossilen Knochen von Homo sapiens als Zeichen gemischter Abstammung deutete. Seither erhitzen sich an dieser Frage die Gemüter. Die meisten Anthropologen waren mit der Interpretation von Trinkaus nicht einverstanden; sie sehen die anatomischen Gemeinsamkeiten nicht als Beleg für eine Vermischung, sondern erklären sie eher als Resultat gemeinsamer Abstammung.
Die neuen Genomdaten allerdings deuten tatsächlich darauf hin, dass eine Vermischung zwischen Neanderthalern und modernen Menschen stattgefunden hat. Einige menschliche Gene zeigen einerseits hohe Übereinstimmung mit ihren Neanderthaler-Äquivalenten, auf der anderen Seite aber eine extrem hohe Variationsbreite innerhalb der Menschheit selbst – ein deutliches Zeichen dafür, dass die Vielfalt durch Zufluss von außen erhöht wurde. Daraus kann man getrost schließen, dass es erfolgreiche Paarungen über die Artgrenze hinweg gab und die Sprösslinge dieser Romanzen selbst fruchtbar waren[1]. Dass Europäer und Ostasiaten dem Neanderthaler ähnlich nahe zu stehen scheinen – ein weiteres Ergebnis, dass für einen Gentransfer spricht – kann man wohl dahingehend interpretieren, dass der größte Teil des Erbguttransfers sehr früh stattfand.
Denn wenn es zum Zeitpunkt der Vermischung schon getrennte Populationen in Ostasien und Europa gegeben hätte, sollte man auch dort einen Unterschied sehen. In Europa jedenfalls hat der Neanderthaler bis lange nach der Ausbreitung des Menschen nach Osten überlebt, offenbar ohne weiteren Einfluss auf das menschliche Genom zu haben. Möglicherweise sind die Neanderthaler-Populationen schon bald so stark geschrumpft, dass der Genfluss austrocknete, bevor der moderne Mensch ganz Eurasien besiedelt hatte. Aber das ist Spekulation, und es gibt auch andere mögliche Interpretationen.
Keine Spekulation ist allerdings, dass sich Genfluss nur in eine Richtung feststellen lässt, nämlich vom Neanderthaler zum Menschen. Ich überlasse es eurer schmutzigen Phantasie, die entsprechenden Szenarien auszuführen. Insgesamt liegt der Beitrag des Neanderthalers zwischen 1 und 4 Prozent des Genoms von nicht-Afrikanern. Das ist allerdings meines Erachtens zu wenig, um die Trinkaus-Theorie von den weit verbreiteten Neanderthaler-Merkmalen in menschlichen Skeletten zu stützen. Interessant wäre in diesem Zusammenhang natürlich auch eine Analyse vergleichbar alter menschlicher Knochen um zu sehen, ob der genetische Einfluss des Neanderthalers ursprünglich größer war. Vielleicht kommt das ja noch.
Der Neanderthaler - das nach wie vor unbekannte Wesen
Die Autoren befassen sich außerdem mit der ebenfalls umstrittenen Frage, wann sich die Linien von Neanderthalern und Menschen getrennt haben. Sie verwenden dazu wegen der kurzen Zeitspanne nicht die klassische molekulare Uhr, sondern ein Verfahren, dass die enge Verwandtschaft der verglichenen Arten untereinander nutzt und auf einem Vergleich der Verbreitung der Allele verschiedener Gene in allen Arten. Mit diesem Verfahren kommen sie auf einen Zeitraum von 440.000 BP bis 270.000 BP, allerdings glaube ich nicht, dass das in dieser Frage das letzte Wort ist – archäologische Funde lassen auch andere Interpretationen zu, und die Knochensammler haben die unsympathische Angewohnheit, in derlei Streitfragen meistens Recht zu behalten.
Das eigentliche große Rätsel der Neanderthaler allerdings, nämlich wodurch sie sich vom modernen Menschen unterschieden und ob diese Unterschiede zu ihrem Aussterben beitrugen, bleibt vorerst ungelöst. Die Autoren präsentieren einige sehr interessante Ergebnisse, zum Beispiel Regionen des Genoms, in denen sich das menschliche Genom im Vergleich zum Neanderthaler am stärksten verändert hat. Darunter sind auch einige Gene, die beim modernen Menschen mit der Hirnentwicklung zusammenhängen, ich persönlich würde aber davon abraten, aus dieser vorläufigen Auflistung schon Schlüsse zu ziehen.
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[1] Was der unvermeidli... Read more »
Green, R., Krause, J., Briggs, A., Maricic, T., Stenzel, U., Kircher, M., Patterson, N., Li, H., Zhai, W., Fritz, M.... (2010) A Draft Sequence of the Neandertal Genome. Science, 328(5979), 710-722. DOI: 10.1126/science.1188021
by Lars Fischer in EuCheMS 2010 Blog
Somehow this never occurred to me before, but nanoparticles don’t have to be made from metals or other inorganics. They can even be biodegradable. It’s something you tend to forget when you keep reading papers about how metal oxide nanoparticles penetrate cells and catalyze the formation of free radicals or whatever. But of course there [...]... Read more »
Guo, P., Martin, C., Zhao, Y., Ge, J., & Zare, R. (2010) General Method for Producing Organic Nanoparticles Using Nanoporous Membranes. Nano Letters, 2147483647. DOI: 10.1021/nl101057d
by Lars Fischer in EuCheMS 2010 Blog
When it comes to chemistry, surfaces are the places to be. Where two phases meet, interesting stuff is bound to happen. One of the phase interactions that received increased attention during the last few years is the peculiar meeting of a liquid and a solid. One rather interesting phenomenon encountered here is the lotus effect, [...]... Read more »
Voïtchovsky, K., Kuna, J., Contera, S., Tosatti, E., & Stellacci, F. (2010) Direct mapping of the solid–liquid adhesion energy with subnanometre resolution. Nature Nanotechnology. DOI: 10.1038/NNANO.2010.67
by Lars Fischer in EuCheMS 2010 Blog
It’s well-known that many liquid metals can be cooled below their freezing point. This is, scientists assume, due to dense and symmetric, but non-periodic ordering within the liquid. This theory implies that the freezing point of supercooled metal liquids can be controlled, just like crystallization can be induced by a template – all it takes [...]... Read more »
Schülli, T., Daudin, R., Renaud, G., Vaysset, A., Geaymond, O., & Pasturel, A. (2010) Substrate-enhanced supercooling in AuSi eutectic droplets. Nature, 464(7292), 1174-1177. DOI: 10.1038/nature08986
by Lars Fischer in Fischblog
Warum breiten sich manche Viren wie Flächenbrände über ganze Kontinente aus, während andere nur kleine, begrenzte Ausbrüche auslösen? Bei den Noroviren bestimmen Fehler bei der Reproduktion des Erbgutes die biologische Fitness des Erregers und entscheiden darüber, ob eine Pandemie droht.
Anders als bei Menschen und anderen Vielzellern sind Viren nicht darauf angewiesen, ihr Erbgut mit großer Genauigkeit zu kopieren. Im Gegenteil, je mehr Fehler beim Kopieren des Erbguts passieren, desto diverser ist die Population und, sollte man zumindest meinen, die evolutionäre Fitness. In einer aktuellen Studie an Noroviren haben Forscher ein bemerkenswertes Beispiel für diesen Zusammenhang gefunden.
Der höchst unerfreuliche, aber selten tödlichen Durchfallerreger ist den weitaus gefährlicheren Influenzaviren in einigen Punkten sehr ähnlich, zum Beispiel darin, dass beide weltweite Pandemien auslösen können. Seit 1995 gab es insgesamt fünf große Norovirus-Pandemien (1995/1996, 2002, 2004, 2006 und 2007). Sowohl bei Noro als auch bei Influenza unterteilt sich die Virenpopulation in eine sehr variable Ansammlung von Stämmen und Linien, die schnell evolvieren. Einen entscheidenden Unterschied gibt es allerdings: Während bei der Influenza eine ganze Reihe Subtypen Pandemiepotential haben, gingen die Norovirus-Wellen des letzten Jahrzehnts von einer einzigen Unterlinie namens GII.4 aus. Und das scheint vor allem an der geringeren Stabilität des Erbguts zu liegen.
Noroviren sind ausgesprochen unerfreuliche kleine Biester, weil sie extrem infektiös sind und dazu schwer wieder loszuwerden. Sie sind für den Großteil aller Magen-Darm-Infekte weltweit verantwortlich, und es gibt weder eine Impfung noch ein Gegenmittel. Wie alle hüllenlosen Erreger ist das Norovirus gegenüber Umwelteinflüssen recht resistent, weswegen sie nur schwer wieder loszuwerden sind.
Wer im erkrankten Zustand auf seine Katze kotzt, hat anschließend ein echtes Problem. Die Erreger sind im Temperaturbereich von -20 bis + 60 Grad lebensfähig (im Gegensatz zu Katzen) und überstehen in Textilien und vergleichbaren Materialien bis zu zwei Wochen. Nur etwa 10 bis 100 Partikel reichen für eine Ansteckung aus.
Angesichts dieser Merkmale ist es durchaus etwas kurios, dass nur ein einziger Subtyp des Erregers überhaupt Pandemiepotential hat, und Wissenschaftler rätseln schön seit einer Weile, woran das liegt. Die bisherige Forschung hat sich auf die Wechselwirkung zwischen Virus und Wirt konzentriert. Dabei hat sich gezeigt, dass der Pandemie-Subtyp an alle Blutgruppen-Antigene des Menschen andocken kann, während das Reservoir anderer Linien geringer ist. Allerdings scheint dieser Effekt in der Praxis keine Bedeutung zu haben.
Deswegen konzentrierte sich die jetzt in PLoS Pathogens veröffentlichte Arbeit von Bull et al. auf die Ursachen und Folgen von genomischer Variabilität. Sie untersuchten neben der Pandemie-Linie GII.4 die verwandten, aber seltener auftretenden Linien GII.3 und GII.7 auf ihre Mutationsraten. Das ist bisher noch nicht passiert, weil sich Noroviren in Kultur nicht Vermehren lassen, deswegen mussten die Wissenschaftler auch ein paar kleine Umwege über rekombinante Virusproteine machen, nachzulesen im Paper. Der entscheidende Punkt ist allerdings, dass Noroviren schon von sich aus hochvariabel sind, ihr wichtigstes Hüllprotein unterscheidet sich zwischen den Linien in bis zu 61 Prozent aller Aminosäuren. Verantwortlich dafür ist die RNA-abhängige RNA-Polymerase, ein Enzym, das das Virus in seiner Hülle mittransportiert um sein Erbgut zu vervielfältigen.
Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass bei den Noroviren die Fehlerhäufigkeit bei der Synthese neuer Erbgutstränge eine gewisse Rolle spielt. Jedenfalls ins die Mutationsrate bei den Pandemiestämmen um ein vielfaches höher als bei den anderen Noroviren. Das führt dann natürlich auch zu einer größeren Vielfalt der Antigene und vor allem einer hohen Evolutionsgeschwindigkeit, wie der parallel durchgeführte Sequenzvergleich der Hüllproteine von 54 seit 1987 isolierten GII.4-Einzellinien, 14 Linien von GII.3 und fünf Linien von GII.7 zeigt.
Der Pandemiestamm hat zusätzlich nicht nur mehr Mutationen angesammelt, sondern auch mehr solche, die tatsächlich Folgen in Form von ausgetauschten Aminosäuren im Protein hat, ein klarer Hinweis darauf, dass das veränderliche Genom nicht einfach fröhlich vor sich hin mutiert, sondern auf konkrete Selektionsdrücke reagiert und so dem Pandemievirus einen echten Fitnessgewinn beschert.
Das ganze funktioniert auch in die Gegenrichtung: Die anderen untersuchten Linien haben eine geringere Mutationsrate und sind seltener. Wenn sie auftreten, dann bevorzugt in Kindern, und die Cluster an Infektionen bleiben klein. Das interpretieren die Forscher dahingehend, dass diese Linien nicht flexibel genug sind, um die Herdenimmunität gegen diese doch recht häufigen Infektionen zu umgehen. Der Subtyp GII.4 dagegen evolviert offenbar schnell genug, um in regelmäßigen Abständen Antigene zu präsentieren, auf die menschliche Immunsysteme nicht vorbereitet sind.
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Bull, R., Eden, J., Rawlinson, W., & White, P. (2010). Rapid Evolution of Pandemic Noroviruses of the GII.4 Lineage PLoS Pathogens, 6 (3) DOI: 10.1371/journal.ppat.1000831
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Bull, R., Eden, J., Rawlinson, W., & White, P. (2010) Rapid Evolution of Pandemic Noroviruses of the GII.4 Lineage. PLoS Pathogens, 6(3). DOI: 10.1371/journal.ppat.1000831
by Lars Fischer in Fischblog
Bei der Umwandlung von Kohlendioxid in energiereiche chemische Verbindungen hat die Photosynthese den Nachteil, dass dabei als Nebenprodukt eine ganze Pflanze entsteht. Bei einer künstlichen zellfreien Photosynthese dagegen bekäme man für das Licht eine einzige energiereiche Chemikalie wie Glucose, aus der dann direkt Biokraftstoffe oder dergleichen hergestellt werden könnten, und deswegen wird an solchen Systemen mit Hochdruck gearbeitet.
Ein Weg, das zu erreichen ist die Reproduktion der kompletten Reaktionskette vom Licht bis zur organischen Materie auf der Basis der natürlichen Enzyme, die an der Reaktion beteiligt sind. Dieser biomimetische Ansatz hat jetzt zum Erfolg geführt, US-Wissenschaftler haben in Nano Letters ein System vorgestellt, das über mehrere Stufen aus Licht und Kohlendioxid den Zucker Glucose produziert. Der eigentliche Trick ist, die Komponenten in einen Proteinschaum einzulagern, den die Forscher von einem Frosch geborgt haben.
In der Lichtreaktion der Photosynthese werden Photonen eingesammelt und ihre Energie zur Synthese von ATP und zur Gewinnung von Elektronen aus Wasser genutzt. Das so erhaltene energiereiche ATP und die Elektronen werden dann in den zweiten Schritt eingespeist, den Calvin-Zyklus. In dem wird dann Kohlendioxid mit einem phosphorylierten Zucker zur Reaktion gebracht und so das Gas mit Hilfe von ATP und den Elektronen in energiereiche organische Stoffe umgesetzt. Das ganze System ist weniger eine chemische Reaktionskette als vielmehr eine molekulare Fabrik.
Da alle diese Systeme zu den am besten erforschten Reaktionsketten der Biochemie gehören, kann man aus den Komponenten einfach ein zellfreies Photosynthesesystem zusammensetzen – theoretisch. Der Teufel liegt im Detail, denn damit die Reaktion möglichst effektiv abläuft, müssen mehrere teils widersprüchliche Bedingungen erfüllt sein. Zuerst einmal genug ADP, Phosphat und Zuckerzwischenstufen in Lösung sein, um eine regelmäßige Versorgung zu gewährleisten, die Konzentration darf aber auch nicht zu groß werden und die einzelnen Komponenten müssen nahe an einer Oberfläche sein, denn Kohlendioxid muss gut an die Reaktionszentren gelangen können – Licht natürlich auch.
Als Lösung bietet sich ein Schaum an – der enthält Flüssigkeitskanäle, in denen genug Enzyme und Reaktanden schwimmen können, während gleichzeitig immer eine Grenzfläche zu einem Gasraum in der Nähe ist. Es gibt allerdings ein Problem dabei, denn für Schäume benötigt man Detergenzien – und die stören unter anderem Membranen und ihre künstlichen Äquivalente. In diesem Fall kann es passieren, dass sich der Schaumbildner in die Wand der ATP-erzeugenden Vesikel einlagert und die Membran durchlässiger macht. In versuchen mit dem Detergens Tween-20 geht leidet dementsprechend die Effektivität der Reaktionskette erheblich.
In der Natur gibt es allerdings eine Reihe Schäume, die nicht auf der Basis seifenartiger kleiner Moleküle entstehen, sondern mit Hilfe von Proteinen, die wesentlich größer sind, stabilere Schäume ergeben und Vesikelmembranen nicht stören. Eines davon ist das Protein Ranaspumin-2, aus dem der Frosch Engystomops pustulosus seine schwimmenden Nester baut. Dieses Protein nutzten die Forscher, um ihr künstliche Fotosynthesesystem aufzunehmen.
Die einzelnen Komponenten dieses Systems gibt es schon seit einiger Zeit - der ATP-generierende Apparat besteht aus Polymervesikeln, die ähnliche Eigenschaften haben wie biologische Zellmembranen, aber stabiler sind. In diese künstliche Membran sind zwei Proteine eingebaut. Einmal das Bakteriorhodopsin, an dem die eigentliche lichtabhängige Reaktion stattfindet: Das Enzym pumpt bei Beleuchtung Protonen in den Innenraum des Vesikels. Das zweite Protein nutzt die so entstandene höhere Konzentration, um wiederum ADP und Phosphat zu ATP umzusetzen.
Das wiederum dient zusammen mit Kohlendioxid und dem Zucker Ribulose als Substrat für die Ribulosebisphosphat-Carboxylase, dieser Schritt ist die eigentliche Kohlenstofffixierung. Hierbei entsteht über die Zwischenstufe 3-Phosphoglycerat der Zuckervorläufer Glyceraldehyd-3-phosphat, der wiederum in den dritten Teil des Reaktionswegen eingespeist wird, an dessen Ende der bekannte Zucker Glucose steht.
Abbildung: Schema der künstlichen Photosynthese von Wendell et al., Quelle: Wendell et al., Nano Letters 10.1021/nl100550k, 2010.
Die Resultate sind jedenfalls ermutigend für so ein System: Das Prinzip funktioniert, und am Ende der Kette entsteht tatsächlich der gewünschte Zucker. Die ATP-Synthese ist mit etwa 5 Protonen pro ATP halb so effizient wie in natürlichen Systemen, aber immerhin doppelt so hoch wie in schaumfreien Systemen. Das rechnen die Autoren hoch zu 116 Mikromol Glucose pro Liter und Stunde (wobei sich der Liter auf die bloße Flüssigkeit bezieht), das sind 21 Milligramm. Klingt nach wenig, ist aber eine ganze Menge. Wenn man das ganz naiv auf den Hektar umrechnet, was die Autoren tun, könnte man mit diesem System zehn mal so viel vom Biokraftstoff Dimethylfuran erzeugen wie mit normalen Pflanzen auf einem normalen Acker.
Die Autoren des Papers freuen sich schon auf die großtechnische Umsetzung ihres Verfahrens, aber ich bin da sehr skeptisch. Zuerst einmal wird der aufmerksame Beobachter festgestellt haben, dass in diesem Photosynthese-System etwas Entscheidendes fehlt. Es entsteht nämlich kein Sauerstoff, und das heißt, es werden auch keine Elektronen erzeugt, mit denen Kohlendioxid reduziert werden kann. Das Reduktionsmittel NADH wird bei dieser Reaktion verbraucht, während es bei der natürlichen Photosynthese konstant wieder regeneriert wird. Diese Komponente fehlt noch zur künstlichen Photosynthese.
Das Grundproblem an diesem Punkt ist aber ein ganz anderes: Wenn man so ein Wasseroxidations-System erstmal hat, dann kann man damit direkt Wasserstoff produzieren – wozu noch der aufwändige Umweg über den Calvin-Zyklus?
Denn hinter dem zugegebenermaßen eindrucksvollen System von Todd, Wendell und Montemagno steht ein großes ökonomisches Fragezeichen: Das Verfahren erfordert beträchtliche Mengen teurer Spezialchemikalien, die nicht ohne weiteres im Tonnenmaßstab zu bekommen sind. Ganz zu schweigen von den Membranproteinen für die ATPase-Vesikel. Prinzipiell können all diese Enzyme ohne weiteres rekombinant hergestellt werden, und das scaling-up des Systems auf, sagen wir, einen Hektar, ist vor allem eine Verfahrenstechnische Frage.
Trotzdem hängt letztendlich die Umsetzung eines solchen Systems vor allem an der Wirtschaftlichkeit. Für das Produkt allein wird sich der Aufwand definitiv nicht rechnen, und ob CO2-Zertifikate jemals so teuer werden, dass sich Kraftwerksbetreiber Tonnen eines High-Tech-Proteinschaumes in den Schornstein hängen, halte ich für fraglich. Ich halte es für wesentlich wahrscheinlicher, dass in den nächsten Jahren einfache Chemische Katalysatoren entwickelt werden, die vergleichbares leisten.
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Wendell, D., Todd, J., & Montemagno, C. (2010). Artificial Photosynthesis in Ranaspumin-2 Based Foam Nano Letters DOI: 10.1021/nl100550k
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Wendell, D., Todd, J., & Montemagno, C. (2010) Artificial Photosynthesis in Ranaspumin-2 Based Foam. Nano Letters, 2147483647. DOI: 10.1021/nl100550k
by Lars Fischer in Fischblog
ResearchBlogging.orgVor einer Weile ging es hier im Blog schon einmal um fossile Farben und Muster, und zwar um die von Dinosauriern, in deren Federn sich versteinerte Pigmentkörner bis heute erhalten haben. Für immer verloren sind dagegen andere Farben, die von nur wenige Nanometer großen Feinstrukturen der Federoberfläche erzeugt werden, wie das heute zum Beispiel bei den brillanten Farben des Pfauenschwanzes der Fall ist. Ob es sie schon bei den Sauriern gab oder ob sie erst Millionen Jahre später auf der Bildfläche erschienen, wissen wir nicht. ... Read more »
Tanaka, G., Taniguchi, H., Maeda, H., & Nomura, S. (2010) Original structural color preserved in an ancient leaf beetle. Geology, 38(2), 127-130. DOI: 10.1130/G25353.1
by Lars Fischer in EuCheMS 2010 Blog
Hydrogels are the only materials that have the potential to be used as a replacement material for functional tissues like cartilage, sinews or muscles. However, while the biological wet and soft materials have impressive mechanical properties and are generally very tough, conventional hydrogels are rather brittle and tend to disintegrate under duress. With one exception, [...]... Read more »
Gong, J. (2010) Why are double network hydrogels so tough?. Soft Matter. DOI: 10.1039/b924290b
by Lars Fischer in EuCheMS 2010 Blog
There has been a veritable hype around fullerenes and carbon nanotubes in recent years, so this modification of carbon has extensively researched. What’s a little less known, is that there are other, very similar structures, made of inorganic building blocks, usually transition metal chalcogenides. There is, however, a difference: In most of the inorganic fullerens [...]... Read more »
Yella, A., Panthöfer, M., Kappl, M., & Tremel, W. (2010) Snapshots of the Formation of Inorganic MoS Onion-Type Fullerenes: A “Shrinking Giant Bubble” Pathway . Angewandte Chemie International Edition. DOI: 10.1002/anie.200902481
by Lars Fischer in Fischblog
Bt-Toxin, benannt nach seinem Produzenten, dem Bodenbakterium Bacillus thuringiensis, hat schon jetzt eine bemerkenswerte Karriere in der Schädlingsbekämpfung hinter sich. Die kleinen Kristalle sind für Wirbeltiere unschädlich, im Darm von Insekten jedoch werden sie zu einem tödlichen Gift. Darauf und auf dem Umstand, dass die verschiedenen Bt-Toxine jeweils für unterschiedliche Insektenarten hoch spezifisch sind, beruht ihr Erfolg. Ins Erbgut einer Nutzpflanze eingebaut, schützen sie effektiv vor Fraßfeinden, ohne schädliche Rückstände zu hinterlassen.
Demnächst könnten diese Proteine noch aus einem anderen Grund reüssieren, denn Insekten sind nicht die einzigen Lebewesen, die gegenüber Bt-Toxinen empfindlich sind: Einige der Verbindungen sind auch gegen Nematoden wirksam. Experimente an Mäusen haben jetzt gezeigt, dass sich diese Darmparasiten prinzipiell mit den Bakterienproteinen therapieren lassen (open access).
Das hat potentiell große praktische Bedeutung, denn etwa jeder fünfte Mensch ist mit Nematoden wie Haken- oder Peitschenwürmern infiziert, die unter anderem bei Kindern Entwicklungsstörungen auslösen. Und es gibt de facto bereits eine Quelle für große Mengen solcher Bt-Toxine: Genetisch veränderten Mais. Es liegt nahe, eine Variante des Bt-Mais als Nutriceutical einzusetzen.
Das Experiment selbst ist schnell beschrieben: Die Forscher haben Mäuse mit dem Wurm Heligmosomoides bakeri, einem gut erforschten Nagetierparasiten, infiziert und zwei Wochen später einmalig mit dem Protein aus aufbereiteten B.-thuringiensis-Sporen behandelt. Den Infektionsstatus haben sie geprüft, indem sie die Wurmeier im Mäusekot vor und nach der Behandlung auszählten und fünf Tage später die Parasiten im Darm zählten.
Die Ergebnisse waren ziemlich eindeutig, die Parasiteneier im Kot verschwanden fast vollständig und die Würmer selbst zu zwei Dritteln, während in der Kontrollgruppe (die B.-thu.-Sporen ohne Toxin bekam) alles beim Alten blieb. Der extreme Rückgang der Eiproduktion trotz weiter vorhandener Wurminfektion deutet nach Ansicht der Forscher darauf hin, dass es auch den überlebenden Würmern ziemlich dreckig gegangen sein muss.
Bemerkenswert ist auch der Vergleich mit gängigen Pharmazeutika. Die Autoren zitieren Studien u. a. mit Ivermectin und Pyrantel, in denen unter vergleichbaren Bedingungen etwa 90% der Würmer abgetötet wurden, allerdings mit zehn- bis hundertfach größeren Wirkstoffkonzentrationen als in der Bt-Studie zum Einsatz kamen. Hinzu kommt, dass der größte Teil des Proteins im Magen zersetzt wird. Die Autoren der Studie haben es ausprobiert, mit künstlichem Magensaft.
Unter diesen Bedingungen war das Toxin schon nach vier Minuten nicht mehr detektierbar. Die Autoren schließen daraus, dass selbst allerwinzigste Konzentrationen des Bt-Toxins die Würmer töten – ich glaube allerdings eher, dass die Kristalle die Magenpassage im lebenden Tier aus irgendwelchen Gründen länger überleben.[1] Auf jeden Fall zeigen die Versuche, dass das Bt-Toxin in deutlich geringeren Mengen wirkt als gängige Wurm-Medikamente.
Eine Wurmkur für die Welt?
Das bietet zwei Optionen. Zum einen kann man auf der Basis dieser Ergebnisse klassische Medikamente entwickeln. Die Autoren weisen zu Recht darauf hin, dass moderne Formulierungstechniken und Darreichungsformen die Effektivität der Behandlung noch einmal deutlich steigern könnten. Damit stünde ein neues Medikament zur Verfügung, gerade rechtzeitig um die sich neu entwickelnden Resistenzen abzufangen.[2]
Die zweite Variante ist ungleich ambitionierter und trägt dem Umstand Rechnung, dass ein neues Medikament angesichts der Dimension des weltweiten Nematoden-Problems nur ein Tropfen auf den heißen Stein wäre. Fast anderthalb Milliarden Menschen sind betroffen, überproportional in den armen Ländern natürlich. Viele von ihnen haben nur schlechten Zugang zu medizinischer Versorgung, ein Umstand, der die effektive Bekämpfung dieser Seuchen schon sehr lange behindert. Vor diesem Hintergrund liegt der Gedanke nahe, einfach den bereits erprobten Bt-Mais für therapeutische Zwecke umzubauen und das Saatgut an die Bevölkerung in den am stärksten betroffenen Ländern zu verteilen.
Zumal alle Einzelteile für diesen Plan quasi bereit liegen. Man muss nur das geeignete Bt-Toxin identifizieren und ins Erbgut der Pflanze schrauben, so dass es in den essbaren Teilen exprimiert wird. Der Plan ist in etwa vergleichbar mit dem Projekt Goldener Reis gegen Vitaminmangel, geht allerdings noch einen Schritt weiter – hier geht es nicht um ein Nährstoffsupplement, sondern um ein Pharmazeutikum, das in der regulären Nahrung enthalten sein soll. Andererseits ist die weltweite Krankheitslast so hoch, dass wir uns kaum erlauben können, diese Möglichkeit nicht zumindest zu prüfen.
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[1] Kühe, die mit Bt-Mais gefüttert werden, haben dem Vernehmen nach nennenswerte Mengen des Peptids im Blut.
[2] Andernorts (z.B. bei Biofortified) wird darüber spekuliert, ob eine solche medizinische Anwendung für das Bt-Toxin eventuell einige Gentechnikgegner wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholen könnte. Ich bin da skeptisch – wir sehen ja gerade wieder an der Amflora-Geschichte, dass da schon lange jeder Realitätsbezug verloren gegangen ist.
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Hu, Y., Georghiou, S., Kelleher, A., & Aroian, R. (2010). Bacillus thuringiensis Cry5B Protein Is Highly Efficacious as a Single-Dose Therapy against an Intestinal Roundworm Infection in Mice PLoS Neglected Tropical Diseases, 4 (3) DOI: 10.1371/journal.pntd.0000614
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Hu, Y., Georghiou, S., Kelleher, A., & Aroian, R. (2010) Bacillus thuringiensis Cry5B Protein Is Highly Efficacious as a Single-Dose Therapy against an Intestinal Roundworm Infection in Mice. PLoS Neglected Tropical Diseases, 4(3). DOI: 10.1371/journal.pntd.0000614
by Lars Fischer in Fischblog
Mit Hilfe Interner Dokumente der Tabakindustrie zeigt eine britische Studie, wie Industrielobbyisten dafür gesorgt haben, dass bei jedem EU-Vorhaben die Interessen der betroffenen Unternehmen in den Vordergrund gerückt werden – per Gesetz
Die Europäische Kommission ist verpflichtet, vor jeder Gesetzesinitiative die wahrscheinlichen Auswirkungen der Regelung in einem festgelegten Vorgehen zu untersuchen. Dieses Procedere nennt sich Impact Assessment (IA) und wurde 1997 im Rahmen des EU-Vertrages von Amsterdam eingeführt, um die ökonomischen, sozialen und ökologischen Folgen von Gesetzen rational und transparent zu erfassen.
In einer gerade in PLoS Medicine erschienene Studie allerdings demonstrieren Katherine Smith und Kollegen anhand offengelegter interner Dokumente des Tabakherstellers British American Tobacco (BAT), wie verwundbar die EU gegenüber Industrielobbyismus ist. Demnach sind die Impact Assessments nicht nur grundsätzlich industriefreundlich ausgelegt, sondern wurden sogar von BAT an die EU herangetragen, um auf diese Weise Einfluss auf die sich schon damals ankündigende Anti-Rauch-Gesetzgebung zu nehmen.
Durchgeführt werden diese Analysen von der Europäischen Kommission selbst, die ihre Berichte dann an das Impact Assessment Board weiterreicht, das seinerseits die Qualität des Berichtes unter die Lupe nimmt und in einem eigenen (EU-untypisch nur wenige Seiten langen) Dokument kommentiert. Es gibt inzwischen verschiedene Typen von Impact Assessments, die zum Beispiel Nachhaltigkeit, Ökonomie oder gesundheitliche Auswirkungen zum Thema haben.
Unabhängige Untersuchungen geben den Impact Assessments jedenfalls eher mäßige Noten (pdf). Kritiker bemängeln vor allem, dass das System die Interessen großer Unternehmen gegenüber denen der Verbraucher begünstige. Ein häufig verwendetes Verfahren ist zum Beispiel, positive und negative Effekte in Kosten umzurechnen, um sie gegeneinander aufzuwiegen, und hier ist es natürlich wesentlich einfacher, die Kosten für die Industrie zu beziffern als die breit gefächerten und diffusen Auswirkungen von Umweltmaßnahmen in eine Zahl zu gießen. Außerdem sind Unternehmen wichtige Lieferanten von Informationen für derartige Impact Assessments, was sie sicherlich zu ihrem Vorteil zu nutzen wissen, einerseits in Form der Informationen die sie preisgeben oder eben nicht, andererseits indem sie während des Bewertungsprozesses selbst Lobbyarbeit betreiben können, im Gegensatz zur Bevölkerung. Bemerkenswerterweise tauchte laut einer Untersuchung der EU selbst nur in der Hälfte aller IAs der Jahre 2005 und 2006 das Wort health überhaupt auf.
Liest man das Paper von Smith et al., wundert man sich darüber auch überhaupt nicht, im Gegenteil, genau dieser Effekt scheint von vornherein der Sinn der Sache gewesen zu sein. Die Forschungsarbeit von Smith und Kollegen stützt sich überwiegend auf interne Dokumente der Tabakindustrie, die im Rahmen großer Gerichtsverfahren in den USA veröffentlicht wurden. Zusätzlich zu diesen Dokumenten haben die Wissenschaftler eine Reihe beteiligter Personen interviewt, zum Beispiel Angestellte der EU, die an den Verhandlungen mitgewirkt haben. Das sich ergebende Bild ist ganz erstaunlich und ziemlich erhellend.
Aus der Feder von Industrielobbyisten...
Offenbar hat BAT überhaupt erst den Anstoß zur Entwicklung der Impact Assessments gegeben, von vornherein mit dem Ziel, auf diese Weise anti-Rauch-Gesetze zu verhindern. Das ganze hat demnach in sehr ähnlicher Form schon einmal funktioniert, und zwar in den USA.
Our analysis reveals that BAT saw RA [risk assessment] as a means of precluding the introduction of public smoking restrictions [56],[59] which it saw as a growing threat in Europe [56],[60],[61]. It also appears that preventing tobacco advertising restrictions was thought to be another outcome [62]. BAT documents reveal that senior managers at the company had learnt that RA could be used in this way from US tobacco company Philip Morris [63]–[65]...
Die grundsätzliche Idee war demnach, von Anfang an einen Mechanismus einzubauen, über den Tabakkonzerne ein Mitspracherecht bei entsprechenden Gesetzen bekommen. In diesem Fall ganz einfach, indem dafür gesorgt wurde, dass die Kommission nicht nur Ärzte nach den gesundheitlichen Folgen von Rauchverboten fragen, sondern auch Tabakkonzerne nach den ökonomischen Effekten:
… intended to ensure that new legislation could only be implemented if it could be demonstrated to “achieve significant risk reductions at reasonable cost” [87]. In other words, […], the use of IA/CBA as a framework for RA involved promoting a tool in which reductions in risks to human health (and the environment) would be partially assessed on the basis of their economic efficiency.
...direkt in den EU-Vertrag
Um das zu erreichen, organisierten die beteiligten Unternehmen eine weitreichende Kampagne, deren Ziel es war, die gewünschten Änderungen im EU-Vertrag von Amsterdam zu verankern. Die Autoren der Studie zitieren ein internes BAT-Dokument, und kommen (genau wie BAT) zu dem Schluss, dass die Wünsche der Tabakindustrie im wesentlichen durchgesetzt wurden.
In what was described by BAT as an “important victory” for the company [62] (see Box 1), a Protocol, entitled Protocol on the application of the principles of subsidiarity and proportionality and tabled by the UK delegation [166], was appended to the Treaty of Amsterdam [39]. This included provisions calling on the European Commission to “consult widely” and minimise the potential “burden” of policy changes on “economic operators” (and others).
Dann beschreibt die Studie, wie das Unternehmen durch weitere Lobbyarbeit dafür gesorgt hat, dass diese Rahmenbedingungen im alltäglichen Gesetzgebungsprozess auch im Sinne des Erfinders, sprich: Zum Vorteil der Industrie funktionierten. Auch andere Branchen haben die Möglichkeiten, Impact Assessments über diese wirtschaftsfreundlichen Klauseln in ihrem Sinne zu beeinflussen intensiv genutzt. Die Autoren führen als Beispiel den Widerstand der chemischen Industrie gegen die Chemikaliensicherheitsverordnung REACH an. Ich verzichte mal darauf, noch mehr Details aus der Studie zu zitieren. Sie ist frei im Internet zugänglich, genau so wie die Dokumente, auf denen sie im Wesentlichen basiert. Lest es nach!
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Smith, K., Fooks, G., Collin, J., Weishaar, H., Mandal, S., & Gilmore, A. (2010). Working the SystemBritish American Tobacco's Influence on the European Union Treaty and Its Implications for Policy: An Analysis of Internal Tobacco Industry Documents PLoS Medicine, 7 (1) DOI: 10.1371/journal.pmed.1000202
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Smith, K., Fooks, G., Collin, J., Weishaar, H., Mandal, S., & Gilmore, A. (2010) “Working the System”—British American Tobacco's Influence on the European Union Treaty and Its Implications for Policy: An Analysis of Internal Tobacco Industry Documents. PLoS Medicine, 7(1). DOI: 10.1371/journal.pmed.1000202
by Lars Fischer in EuCheMS 2010 Blog
The latest edition of Nano Letters has yet another paper about some sort of piezoelectric fabric that generates electricity when deformed. In Theory, you could wear pants made from this stuff and power, say, your watch just by walking around. Admittedly this isn’t exactly novel. We heard about it already in 2003 (pdf), 2007 and [...]... Read more »
Qi, Y., Jafferis, N., Lyons, K., Lee, C., Ahmad, H., & McAlpine, M. (2010) Piezoelectric Ribbons Printed onto Rubber for Flexible Energy Conversion. Nano Letters, 10(2), 524-528. DOI: 10.1021/nl903377u
by Lars Fischer in Fischblog
Unser Wissen über den Ursprung des Lebens ist derzeit noch so unvollständig, dass neue Erkenntnisse aus der chemischen Grundlagenforschung zu den treibenden Kräften der Forschung in diesem Bereich gehören. Stand der Dinge ist immer das, was gerade als möglich gilt – bis Chemiker die nächste spannende Reaktion oder neue Analyseverfahren auf die Bedingungen der probiotischen Erde anwenden und zuvor ungeahnte Potentiale entdecken. Normalerweise findet man diese inkrementellen Fortschritte eher in kleineren Journals, deswegen ist es schon bemerkenswert, dass es gleich zwei solcher Publikationen in bekanntere Zeitschriften geschafft haben.
Die Papers könnten kaum unterschiedlicher sein, aber sie zielen auf dieselbe entscheidende Frage: Welche Moleküle standen für die chemische Evolution zur Verfügung und warum? In den letzten Jahren haben Forscher eine große Bandbreite möglicher Reaktionen für die Bildung der aus heutiger Sicht essentiellen Lebensbausteine wie Aminosäuren und Nucleobasen entdeckt. Amerikanische Forscher erweitern diese Liste um eine plausible Synthese für biologisch relevante Zucker.
Allerdings weiß man inzwischen auch, dass keineswegs alle Ausgangsstoffe des Lebens auf der Erde neu synthetisiert werden mussten. Astronomische Messungen zeigen, dass das Weltall angefüllt ist mit einer quasi unüberschaubaren Vielfalt kohlenstoffhaltiger Verbindungen – und jetzt ist auch der Nachweis gelungen, dass dieser enorme chemische Reichtum auch auf die Erde gelangt ist.
Präbiotische Chemie im Weltall...
Das hat allerdings ein bisschen gedauert. Der Meteorit von Murchison, den die beteiligten Forscher für ihre Arbeit analysiert haben, wird seit vierzig Jahren auf Aminosäuren, Nucleobasen und andere bedeutende Molekülklassen der modernen irdischen Biologie hin untersucht. Erst jetzt hat sich ein Forscherteam an die interessanteste Frage gewagt: Was ist in dem Stein eigentlich alles drin, insgesamt?
Wie sich herausgestellt hat, ziemlich viel. Das Ergebnis haben die beteiligten Forscher jetzt in PNAS veröffentlicht: Statt gezielt nach irgendwelchen Stoffklassen zu suchen, jagten sie einfach verschiedene Extrakte des Meteoriten durch ein hochauflösendes Massenspektrometer. Auf diese Weise sieht man zwar keine genauen Strukturen, dafür erfährt man einiges über die Gesamtheit der enthaltenen Stoffe. Wie man in der Abbildung sieht, ist das Spektrum bis auf zehntausendstel Protonenmassen aufgelöst.
Quelle: Schmitt-Kopplin et al.High molecular diversity of extraterrestrial organic matter in Murchison meteorite revealed 40 years after its fall. PNAS 107(7), 2010, 2763-2768.
Die wesentliche Erkenntnis, die es auch in die Tagespresse geschafft hat, ist die bemerkenswerte Vielfalt der enthaltenen Verbindungen. Die Autoren schätzen, dass sie – abzüglich Isotopomere – etwa 50.000 verschiedene Summenformeln entdeckt haben, von denen jede nochmal einen Haufen Isomere repräsentiert, womit man auf ein paar Millionen unterschiedliche Isotope kommt. Ich persönlich bin hier ein bisschen misstrauisch – diese Kalkulation basiert zum größten Teil auf dem methanolischen Extrakt der Murchinson-Materie.
Methanol ist aber protisch und nucleophil und alles andere als ein reaktionsträges Lösungsmittel, während interstellare Kohlenwasserstoffe bekanntermaßen stark ungesättigt und energiereich sind. Ganz zufällig stellen die Forscher denn auch fest, dass die Verbindungen hier einen recht hohen Sauerstoffanteil und wesentlich mehr Wasserstoff im Verhältnis zum Kohlenstoff haben – Genau die Elemente, die beim Einbau von Methanol überproportional zugeführt werden.
Für meine Zwecke ist es allerdings ziemlich egal, ob ein Teil der Vielfalt erst durch Sekundärreaktionen entsteht – Wasser reagiert ziemlich ähnlich, und so ist das, was die Forscher da gemessen haben, ein ganz guter Anhaltspunkt für die Fracht, die Meteoriten auf der frühen Erde abgeladen haben. Verglichen mit der organischen Chemie, die man so auf der Erde findet, enthält das extraterrestrische Material ungleich mehr verschiedene Strukturen.
Verwunderlich ist das keineswegs, denn hier auf der Erde gibt es Wasser und freien Sauerstoff, deren Gegenwart nur ein geringer Bruchteil aller theoretisch möglichen chemischen Strukturen überlebt[1]. Im interstellaren Raum dagegen funktioniert die Chemie völlig anders, dort werden energiereiche Zwischenstufen nicht sofort abgefangen und in eine stabile Substanzklasse umgelagert. Kleine anorganische Moleküle, die in protoplanetaren Scheiben nachgewiesen wurden, sammeln sich im ultrakalten Weltall zu großen Clustern mit vielfältigen Strukturen.
Insofern ist der interplanetare Raum wahrscheinlich eine wesentlich bessere Quelle für präbiotische organische Moleküle als die junge Erde selbst. Doch nicht alle Ur-Bausteine des Lebens wurden über Jahrmillionen in chemischen Reaktionen in Asteroiden und Staubwolken erbrütet, bevor sie auf die Erde gelangten. Zu den grundlegenden Bausteinen des Lebens, die ziemlich sicher auf unserem Planeten aus einfachen Molekülen entstanden, gehören die Zucker.
...und auf der Erde
Die neueste Veröffentlichung beschreibt eine mögliche präbiotische Synthese kleiner Zuckermoleküle unter Mithilfe von Silizium. Grundlage ist die Formose-Reaktion von einfachen Aldehyden zu diversen Zuckern, die nach allgemeinem Konsens die Basis der präbiotischen Zuckerchemie darstellt. Das an sich ist keineswegs neu, allerdings hat dieser Reaktionsweg das Problem, dass dabei alle möglichen instabilen Zucker entstehen und wieder vergehen. Speziell die Ribose (bekannt aus RNA und anderen bedeutenden Nucleinsäurederivaten) ist unter den meisten Bedingungen so instabil, dass man ihr die zentrale Rolle gar nicht zutrauen würde, die sie in der Chemie des Lebens spielt.
Sie muss, kurz gesagt, Hilfe gehabt haben. Irgendein Stoff, der sie direkt nach der Entstehung stabilisiert. Kandidaten sind zum Beispiel Borate oder Cyanamide, die die entstandenen Zucker abfangen und verhindern, dass sie unter Formose-Bedingungen wieder zersetzt werden. Lambert et al weisen in ihrer Science-Publikation nach, dass ganz normales Natriumsilikat diese Funktion ebenfalls erfüllen kann. Und das ist wesentlich häufiger als die Alternativen: Die Erde besteht quasi daraus.
Zucker mit fünf oder sechs Kohlenstoffatomen dagegen bilden sofort Komplexe mit dem Silikat und sind dann gegen Zersetzung und weitere Kondensationsreaktionen ziemlich stabil. Zucker mit vier Kohlenstoffatomen bilden ebenfalls Silikate, sind aber auch dann unter Formose-Bedingungen noch reaktionsfähig, so dass größere Zucker entstehen. Die Bildung von Zuckersilikaten ist also eine Art chemische Falle, die dafür sorgt, dass sich die fünf- und sechsgliedrigen Zucker anreichern, die auch heute noch für alle Lebewesen unerlässlich sind.
Wir sind noch längst nicht so weit, aus den einzelnen Entdeckungen der chemische Forschung bereitstellt, ein vollständiges Bild von der Entstehung des Lebens auf der Erde zusammenzusetzen. Zu groß ist die Bandbreite der präbiotischen Chemie an Hydrothermalquellen, unter UV-Licht oder in all den anderen Systemen, die auf der frühen Erde eine Rolle gespielt haben könnten.
Zu viel ist noch unerforscht. Wir wissen inzwischen, dass Meteoriten eine bedeutende Quelle für organische Materie waren, was aber dann mit all den Stoffen auf der Erde passiert ist, liegt noch völlig im Dunkeln. Es ist noch nicht lange her, da war auch die Herkunft der Zucker noch sehr rätselhaft, und bis heute weiß niemand, wieso ausgerechnet Phosphat eine so immens wichtige Rolle für das Leben spielt. Das ist die eigentliche Bedeutung von Forschungsergebnissen wie diesen hier: Ein plausibles Gesamtszenario für die Entstehung des Lebens ist erst dann in Reichweite, wenn die gesamte Bandbreite der chemischen Ausgangsbedingungen bekannt ist. Bis wir einen Blick auf das Schauspiel werfen können, muss erst das Bühnenbild freigelegt werden. Stück für Stück.
(Dank an Jörg Rings für den Hinweis)
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[1} Das ist auch der Grund, warum Chemiker oft mit sorgfält... Read more »
Schmitt-Kopplin, P., Gabelica, Z., Gougeon, R., Fekete, A., Kanawati, B., Harir, M., Gebefuegi, I., Eckel, G., & Hertkorn, N. (2010) High molecular diversity of extraterrestrial organic matter in Murchison meteorite revealed 40 years after its fall. Proceedings of the National Academy of Sciences, 107(7), 2763-2768. DOI: 10.1073/pnas.0912157107
Lambert, J., Gurusamy-Thangavelu, S., & Ma, K. (2010) The Silicate-Mediated Formose Reaction: Bottom-Up Synthesis of Sugar Silicates. Science, 327(5968), 984-986. DOI: 10.1126/science.1182669
by Lars Fischer in EuCheMS 2010 Blog
Recently I came across a very interesting article on the website of the German magazine Der Spiegel, which informed me that the current way of storing highly radioactive waste was unsuitable, and the reason for this is chemical. Says there:
Now a US-German research group, in an Article in Angewandte Chemie, raises doubts about the basic [...]... Read more »
Wang, S., Alekseev, E., Ling, J., Skanthakumar, S., Soderholm, L., Depmeier, W., & Albrecht-Schmitt, T. (2010) Neptunium Diverges Sharply from Uranium and Plutonium in Crystalline Borate Matrixes: Insights into the Complex Behavior of the Early Actinides Relevant to Nuclear Waste Storage. Angewandte Chemie, 122(7), 1285-1288. DOI: 10.1002/ange.200906127
by Lars Fischer in EuCheMS 2010 Blog
Surfaces are full of surprises, and of course mysteries. Ertl described the intricacies of ammonia formation on flat platin surfaces decades ago and won a Nobel for it, but what happens between real catalysts and the reactions they accelerate remains largely unknown. When it comes to the behavior of steps, kinks and other surface features [...]... Read more »
Tao, F., Dag, S., Wang, L., Liu, Z., Butcher, D., Bluhm, H., Salmeron, M., & Somorjai, G. (2010) Break-Up of Stepped Platinum Catalyst Surfaces by High CO Coverage. Science, 327(5967), 850-853. DOI: 10.1126/science.1182122
by Lars Fischer in Fischblog
In den letzten Tagen wurde wieder einmal ein Zusammenhang bemüht, der schon seit ein paar Jahren ziemlich regelmäßig in der Tagespresse herumgereicht wird. "Das Getränk aus Hopfen und Malz verbessert die Knochendichte" schreibt der Focus, und die Welt titelt ebenso prosaisch wie zutreffend: "Bier tut gut". Den Knochen natürlich.
Der Anlass – die US-Forscher Bamforth und Casey haben untersucht, wie der Siliziumgehalt im Bier von der Sorte und den Braubedingungen abhängt – gibt derartige Schlagzeilen zwar eigentlich nicht her, das Thema Bier und Knochen allerdings beschäftigt Forscher schon seit Jahren. Diverse seiner Inhaltsstoffe stehen im Verdacht, Auswirkungen auf die Knochen zu haben, in letzter Zeit konzentriert sich die Forschung allerdings auf das Spurenelement Silizium.
Seit den 70er Jahren weiß man aus Tierversuchen, dass künstlich herbeigeführter Siliziummangel sich negativ auf die Skelettentwicklung auswirkt. Dabei wird Silizium nicht in die Knochen selbst eingebaut, sondern scheint eine Rolle in vorgelagerten Signalwegen zu spielen. Eine Interpretation der Befunde ist, dass gelöste Kieselsäure Sauerstoffradikale stabilisiert, die ihrerseits als Signalstoffe für Knochen- und Knorpelbildung wirken.
Patientenstudien zeigen deutlich, dass Silizium speziell die Symptome von Osteoporose lindern kann und möglicherweise dauerhaft vorbeugend wirkt. Der Zusammenhang zwischen Knochendichte und Silizium ist jedenfalls gut genug belegt, um sich für Lebensmittel zu interessieren, die reich an dem Element sind: Osteoporose ist eine der Krankheiten, die aus demographischen Gründen in Zukunft zu einem immer größeren Problem werden: Etwa ein Drittel aller Frauen bekommen sie nach der Menopause.
Leider, und damit sind wir bei der Crux der Sache, ist Silizium in der menschlichen Ernährung nur in relativ geringen Mengen vertreten, obwohl es zu den häufigsten Elementen der Erdkruste gehört. Viele Pflanzen lagern zwar Silikat ein, um Stängel und Kapseln zu stabilisieren, doch auch in dieser Form ist es in Wasser unlöslich. Aufnehmen können Mensch und Tier das Silizium nur als lösliche Orthokieselsäure, von der auch siliziumreiche Pflanzen eben nur sehr geringe Mengen enthalten.
Ursprünglich gingen Forscher daher davon aus, dass feste Nahrung praktisch nicht zur Gesamtaufnahme an Silizium beitrage. Das stimmt nicht: Im Magen-Darm-Trakt wird ein Teil des unlöslichen Siliziums in Pflanzenmaterial mobilisiert, allerdings kommt dabei nicht allzu viel rum. In Bananen, die mit etwa 5 mg Si/100g sehr siliziumreich sind, ist nur fünf Prozent der Gesamtmenge bioverfügbar.
Bier dagegen enthält, wie wir dem Bamforth-Paper entnehmen können, im Mittel etwa nur halb so viel Silicium wie Bananen, davon ist jedoch ein wesentlich größerer Anteil für den Organismus zugänglich: Bier ist flüssig, deswegen kann es nur lösliche Orthokieselsäure enthalten. Das Getränk steht deswegen schon seit geraumer Zeit in Verdacht, einen beträchtlichen Anteil des Siliziums in der Ernährung zu stellen.
Ernährungsstudien haben dann auch gezeigt, dass dank der löslichen Orthokieselsäure schon recht geringe Mengen Bier einen erheblichen Unterschied machen können: In der Framingham-Offspring-Studie war Bier die bedeutendste Siliziumquelle bei Männern – die unter anderem deswegen auch ein Viertel mehr vom Element aufnahmen.
Das Element gelangt aus dem Malz ins Bier. Ich persönlich vermute, dass ein Teil des normalerweise unzugänglichen Siliziums im Getreide während der Keimung zu Kieselsäure hydrolysiert und so löslich gemacht wird. Der Siliziumgehalt hängt jedenfalls von Ausgangsmaterial und Bedingung der Mälzung ab sowie vom Malzanteil. Süße, stärker gehopfte Biere enthalten mehr Silizium, Weizenbier dagegen ziemlich wenig, weil Weizen kaum Silizium enthält. Die Braubedingungen spielen ebenfalls eine gewisse Rolle: Je stärker die Maische gerührt wird, desto mehr Kieselsäure löst sich. Alkoholfreie Biere fanden sich in der Studie konsistent am unteren Ende der Skala wieder.
Von der praktischen Relevanz all dieser Erkenntnisse bin ich allerdings nicht so recht überzeugt. Die durchschnittliche Tagesdosis Silizium liegt irgendwo im Bereich von 20 bis 50 Milligramm, was etwa ein bis zwei Litern Bier entspricht. Es gibt natürlich noch keine Zahlen für eventuelle therapeutische Dosen, aber ich würde auf der Basis der vorliegenden Daten schätzen, dass man für den gewünschten Effekt schon mindestens zwei, drei Halbe pro Tag killen sollte, und das dauerhaft. Nichts gegen ein entspanntes Feierabendbier, aber das scheint mir doch ein bisschen viel des Guten zu sein.-
Casey, T., & Bamforth, C. (2010). Silicon in beer and brewing Journal of the Science of Food and Agriculture DOI: 10.1002/jsfa.3884
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Casey, T., & Bamforth, C. (2010) Silicon in beer and brewing. Journal of the Science of Food and Agriculture. DOI: 10.1002/jsfa.3884
by Lars Fischer in Fischblog
Unter den Erregern von Infektionskrankheiten sind Pilze eher zweite Wahl: Zum einen treten sie öfters an Stellen auf, über die man nur ungerne redet, und zum anderen gelten sie als zwar lästig, aber weitgehend harmlos. Tatsächlich aber lohnt es sich, humanpathogene Pilze im Blick zu behalten, denn dank einer Reihe von Faktoren werden sie als Krankheitserreger weiter an Bedeutung gewinnen.
Ein gefährlicher Vertreter ist zum Beispiel der Pilz Cryptococcus neoformans, der unter anderem mit dem Krankheitsbild AIDS assoziiert ist. Cryptococcose kann eine schwere und gelegentlich tödliche Krankheit sein, verläuft bei immunkompetenten Personen allerdings mild oder symptomlos. Das gilt auch für die allermeisten anderen Pilze. Mykosen sind meist ein Problem für Menschen mit geschwächtem Immunsystem, die für opportunistische Krankheiten generell anfällig sind.
Trotz dieser Einschränkung stellen sie für sehr viele Menschen eine reale Gefahr dar, zumal gerade in den entwickelten Ländern die Zahl der immungeschwächten Patienten durch den steigenden Altersschnitt stetig ansteigt. Inzwischen haben sich Candida-Pilze im Windschatten prominenterer Keime wie MRSA unter die wichtigsten Krankenhausinfektionen vorgearbeitet.
Ein weiteres Warnsignal kommt aus dem Tierreich, wo neuartige Pilzinfektionen in Aggressivität und Verbreitung inzwischen an die schlimmsten Alpträume von Pandemieexperten heranreichen. Der neueste Übeltäter ist der Erreger der erst 2006 erstmals entdeckten Weißnasenkrankheit bei Fledermäusen in den USA. Der Pilz namens Geomyces destructans überwuchert Nase, Ohren und Flügel der winterschlafenden Tiere und hat binnen drei Jahren weit über eine Million Fledermäuse in den nordöstlichen Bundesstaaten getötet, drei Viertel der Gesamtzahl. Ganze Populationen wurden vollständig ausgelöscht.
Das bemerkenswerte ist, dass im März letzten Jahres der Pilz auch bei einer europäischen Fledermaus gesichtet wurde (pdf). Die verführerische Schlussfolgerung ist hier, dass der aggressive Pilz übergesprungen ist und jetzt droht, eine globale Pandemie auszulösen. Tatsächlich ist es wohl umgekehrt: Geomyces destructans stammt aus Europa, und die hiesigen Fledermäuse sind weitgehend immun. Erst als er in die USA gelangte, wurde er zum vernichtenden Killer-Keim.
So ist es nach neueren Erkenntnissen wohl auch bei dem aggressivsten der neuen Killerpilze geschehen, dem Chytridpilz Batrachochytrium dendrobatidis. Der Chytrid befällt die Haut von Fröschen und anderen Amphibien und stört dort den Austausch von Gasen und Elektrolyten. Das scheint zu reichen, um die Viecher in enormen Zahlen umzubringen. Beim ersten Auftreten von B. dendrobatidis in einem Ökosystem verschwindet dort binnen eines Jahres im Schnitt die Hälfte aller Amphibienarten, und die Zahl der Individuen geht um 80 Prozent zurück.
Der Pilz breitet sich weltweit mit einer Geschwindigkeit von mehreren Dutzend bis hunderte Kilometer im Jahr aus und vernichtet besonders bei Tieren mit begrenztem Lebensraum gleich ganze Arten. Nächstes namentlich bekanntes Opfer ist wohl der Frosch Leptodactylus fallax, den der Pilz auf der Insel Dominica nahezu völlig ausgerottet hat und jetzt in seinem letzten Refugium auf der Nachbarinsel Montserrat in die Enge treibt.
Das zeigt, dass man Pilze keinesfalls auf die leichte Schulter nehmen sollte, zumal wie viele andere Erreger auch einige humanpathogene Pilze Resistenzen gegen klassische Behandlungsmethoden entwickeln. Beunruhigend ist auch das relativ breite Wirtsspektrum der beiden Pilze sie scheinen ohne Mühe zwischen verschiedenen Arten zu wechseln und der Umstand, dass bei de Epidemien binnen der letzten zwanzig Jahre aus dem nichts aufgetaucht sind. Epidemiologen fürchten schon sehr lange, dass das Vordringen des Menschen in immer abgelegenere Gegenden, der stärkere Siedlungsdruck und natürlich der globale Transport von Menschen, Tieren und Waren potentiell gefährliche Erreger mobilisiert. Speziell das Beispiel Chytridpilz zeigt: Es muss nicht immer ein Virus sein.
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Rosenblum, E., Voyles, J., Poorten, T., & Stajich, J. (2010). The Deadly Chytrid Fungus: A Story of an Emerging Pathogen PLoS Pathogens, 6 (1) DOI: 10.1371/journal.ppat.1000550Blehert, D., Hicks, A., Behr, M., Meteyer, C., Berlowski-Zier, B., Buckles, E., Coleman, J., Darling, S., Gargas, A., Niver, R., Okoniewski, J., Rudd, R., & Stone, W. (2009). Bat White-Nose Syndrome: An Emerging Fungal Pathogen? Science, 323 (5911), 227-227 DOI: 10.1126/science.1163874Warnock, D. (2006). Fungal diseases: an evolving public health challenge* Medical Mycology, 44 (8), 697-705 DOI: 10.1080/13693780601009493
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Rosenblum, E., Voyles, J., Poorten, T., & Stajich, J. (2010) The Deadly Chytrid Fungus: A Story of an Emerging Pathogen. PLoS Pathogens, 6(1). doi/10.1371/journal.ppat.1000550
Blehert, D., Hicks, A., Behr, M., Meteyer, C., Berlowski-Zier, B., Buckles, E., Coleman, J., Darling, S., Gargas, A., Niver, R.... (2009) Bat White-Nose Syndrome: An Emerging Fungal Pathogen?. Science, 323(5911), 227-227. doi/10.1126/science.1163874
Warnock, D. (2006) Fungal diseases: an evolving public health challenge*. Medical Mycology, 44(8), 697-705. doi/10.1080/13693780601009493
by Lars Fischer in Fischblog
Dass nicht alle Dinosaurier klassische Reptilienhaut trugen, dürfte sich inzwischen herumgesprochen haben. Die aktuelle chinesische Rekonstruktion eines Dinosauriers mit fellbedecktem Schwanz und Ringelmuster, erschienen gerade in Nature, wirft alledings alles woran man sich gerade gewöhnt hatte, schon wieder über den Haufen. Vergesst Jurassic Park – viele Dinos waren wahrscheinlich bepelzt und farbig gemustert.
Im Gegensatz zu den weitgehend spekulativen Rekonstruktionen in Museen und Büchern gibt es in diesem Fall sogar für die Farben handfeste Belege. Zhang und Coautoren konnten nämlich zeigen, dass die Federn (beziehungsweise in vielen Fällen haarförmige Proto-Federn) nach exakt dem gleichen Prinzip gefärbt waren wie es bei modernen Vögeln und in den Haaren von Säugetieren geschieht: Durch Einlagerung von Melanosomen.
Melanosomen sind kleine, mit dem Farbstoff Melanin gefüllte Organellen, die in der Feder (und im Haar von Säugetieren) verteilt sind. Moderne Vögel besitzen zwei Typen von Melanosomen, die sich in Form, Inhalt und Farbe unterscheiden. Einerseits solche, die schwarzes Eumelanin enthalten, und zum anderen Körnchen des rötlichen Phäomelanins. Beide Sorten haben eine recht charakteristische Form. Die Eumelanin-Körnchen sind länglich mit abgerundeten Enden, während das Phäomelanin in abgeflachten Kügelchen vorliegt.
Sinosauropteryx-Fossil und
Melanosomen. Quelle: Nature
Mit Hilfe dieser Farbstrukturen, die offensichtlich die Versteinerung gut überleben, haben Paläontologen jetzt die ersten Gefiederfarben entschlüsseln können. Die Fossilien stammen aus der fossilführenden Jehol-Formation in Nordostchina, dank deren Fossilien die Abstammungslinie der modernen Vögel und die Entwicklung der ersten Federn aufgeklärt wurden. In diesen Fossilien haben die Forscher nun auch die Spuren von 120 Millionen Jahre alten Federpigmenten gefunden. Und zwar nicht zu knapp.
Die Melanosomen der Dinosaurier tauchen nicht nur in klassischen Federn (mit Fahne) auf, sondern interessanterweise auch in umstrittenen Hautfilamenten, die von einigen Paläontologen als Federn gedeutet werden, von anderen dagegen als Kollagenfilamente, die erst durch Verwesung freigesetzt wurden. Die Filamente hat man inzwischen bei vielen Verschiedenen Dinosaurierarten gefunden, so dass zumindest die Möglichkeit besteht, dass dieser Pelz zur Grundausstattung aller Dinosaurier gehörte. Die Entdeckung der Melanosomen in diesen Strukturen zeigt jedenfalls – wenn sie der Überprüfung standhält – dass Proto-Federn der einen oder anderen Sorte unter Dinosauriern recht verbreitet waren.
Dass es sich tatsächlich um Melanosomen handelt und nicht um Bakterien oder Mineralien, schließen die Autoren aus Aussehen und Lage der Körnchen. Sie bilden geordnete Schichten innerhalb der Feder selbst und genau in den Teilen der Feder, die auch bei modernen Vögeln Melanosomen enthalten. Tatsächlich scheinen die Melanosomen der Hauptgrund zu sein, weshalb überhaupt so viele Federn erhalten sind. Melanine sind recht stabil gegen biologischen und chemischen Zerfall, stabiler jedenfalls als das Keratin der Feder selbst: Teile der Feder, die bei normalen Vögeln kein Melanin einlagern, sind meist nicht erhalten.
Tatsächlich zeichnen die Melanosomen bei einigen Dinosauriern deutlich erkennbare Muster nach. Der kleine Fleischfresser Sinosauropteryx zum Beispiel hatte offenbar breite Streifen Phäomelanin-haltiger Federn auf dem Schwanz, die in der künstlerischen Rekonstruktion ein niedliches orangerotes Ringelmuster ergeben. Bei anderen Arten wie Confuciusornis und Sinornithosaurus fanden die Wissenschaftler beide Melaninarten in unterschiedlicher Verteilung und Dichte, teils sogar innerhalb einzelner Federn, was auf deutlich komplexere Muster hindeutet.
Erstaunlicherweise scheint selbst bei Zhang und Coautoren das alte Bild von den eintönig grün-braunen Dinos nachzuwirken, denn ihrer Meinung impliziert das Vorhandensein von schwarzem Eumelanin und braunem Phäomelanin, dass die entsprechenden Dinos schwarz-braun gemustert gewesen sein müssten. Doch dabei lassen sie ein weiteres wichtiges Phänomen außer Acht, das modernen Gefiedern ihre Farbenpracht verleiht: Die Strukturfarben.
In vielen modernen Vögeln ist speziell das Eumelanin nur die schwarze Grundierung für eine ganze Reihe von farbgebenden Mechanismen, die von eingelagerten Carotinoiden (das Grün der Sittiche ist eine Mischfarbe aus gelben Carotinoiden und dem dunklen Eumelanin-Hintergrund) bis hin zu Streu- und Brecheffekten an Federstrukturen (die schillernden Schwanzfedern des Pfaus, im Detail nachzulesen in diesem Paper) reichen und sich leider bei der Versteinerung wohl nur schwer nachweisen lassen.
Es ist jedenfalls nicht einzusehen, weshalb Dinos diese Strukturfarben nicht gehabt haben sollten. Allerdings gehe ich davon aus, dass immerhin die farbliche Rekonstruktion von Sinosauropteryx im Wesentlichen korrekt ist – Phäomelanin ist kein guter Hintergrund für brilliante Struktureffekte, und eine Quelle für farbverändernde Pflanzenstoffe ist bei einem Fleischfresser auch nicht in Sicht.
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Zhang, F., Kearns, S., Orr, P., Benton, M., Zhou, Z., Johnson, D., Xu, X., & Wang, X. (2010). Fossilized melanosomes and the colour of Cretaceous dinosaurs and birds Nature DOI: 10.1038/nature08740
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Zhang, F., Kearns, S., Orr, P., Benton, M., Zhou, Z., Johnson, D., Xu, X., & Wang, X. (2010) Fossilized melanosomes and the colour of Cretaceous dinosaurs and birds. Nature. doi/10.1038/nature08740
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